MITRE ATT&CK in der Praxis: Wie du Techniken in SIEM-Rules übersetzt
Einleitung
MITRE ATT&CK ist das Standard-Vokabular der Detection-Welt. In Threat-Intel-Reports, Vendor-Marketing und Compliance-Dokumenten wirst du an der Matrix nicht vorbeikommen. Die Hürde für KMU ist nicht das Verständnis der Matrix – sondern der Schritt von „T1059.001 PowerShell“ zu einer konkreten SIEM-Rule, die im eigenen Netz feuert. Dieser Artikel führt dich durch genau diesen Schritt: von der Technik-Beschreibung zur lauffähigen Detection.
Warum das Thema wichtig ist
Ohne ein gemeinsames Vokabular reden Detection-Engineers, IR-Teams und Threat-Intel-Quellen aneinander vorbei. ATT&CK liefert dieses Vokabular. Wer seine Detections nicht entlang ATT&CK strukturiert, baut zufällige Rules ohne messbare Coverage. Wer es tut, kann Lücken sichtbar machen (welche Techniken erkenne ich nicht?) und Threat-Intel direkt umsetzen („In aktuellen Kampagnen wird T1003.006 beobachtet“ → konkreter Detection-Auftrag). Für KMU ist ATT&CK der schnellste Weg zu einer Detection-Strategie, die nicht nach Bauchgefühl entsteht.
Die ATT&CK-Hierarchie
Tactic (das WARUM)
└── Technique (das WIE, allgemein)
└── Sub-Technique (das WIE, spezifisch)
└── Procedures (konkrete Implementierungen)
Beispiel:
Credential Access (TA0006)
└── OS Credential Dumping (T1003)
├── LSASS Memory (T1003.001) ← typisches Mimikatz/ProcDump
├── Security Account Manager (T1003.002)
├── NTDS (T1003.003) ← DC-Datenbank-Diebstahl
└── DCSync (T1003.006) ← AD-Replication-Angriff
Detection-Engineering setzt typischerweise auf Sub-Technique-Ebene an – allgemein genug, um nicht IOC-spezifisch zu sein, spezifisch genug, um konkret detektierbar zu sein.
Der Workflow: Von Technik zu Rule in 5 Schritten
Schritt 1: Technik wählen
Sinnvolle Quellen für „welche Technik priorisiere ich?“:
- DFIR Report (
thedfirreport.com) – Real-World-Intrusion-Reports mit ATT&CK-Mapping - MITRE Top Techniques – jährliche Auswertung, welche Techniken am häufigsten beobachtet werden
- Eigene Branche – BSI / CISA Sector Advisories nennen oft konkrete TTPs
- Red-Team-/Pentest-Reports – wenn ihr extern testen lasst
Beispiel: Wir wählen T1003.001 – LSASS Memory Dumping.
Schritt 2: Procedures studieren
Auf attack.mitre.org/techniques/T1003/001/ findest du:
- Konkrete Procedure-Examples (welche Tools werden eingesetzt)
- Mitigations
- Detection – Vorschläge, welche Datenquellen relevant sind
Für T1003.001 typische Procedures:
mimikatz sekurlsa::logonpasswordsprocdump -ma lsass.execomsvcs.dll MiniDump(eingebauter LotL-Trick)nanodump- Diverse C2-Frameworks (Cobalt Strike
mimikatz-BOF)
Schritt 3: Datenquelle bestimmen
Welche Telemetrie kann das überhaupt detektieren?
| Datenquelle | Was sie zeigt |
|---|---|
| Sysmon Event 10 (ProcessAccess) | Wer öffnet einen Handle auf lsass.exe? |
| Windows Event 4663 (Object Access) | Mit aktivierter SACL: Zugriffe auf LSASS-Memory |
| EDR | Kombination aus Process+Memory+API-Aufrufen |
Sysmon Event 10 ist der pragmatische Sweet Spot für KMU.
Schritt 4: Rule schreiben (SIGMA)
title: LSASS Memory Access (T1003.001)
id: 8a3b2f1c-4e5d-6a7b-8c9d-0e1f2a3b4c5d
status: experimental
description: Detects suspicious access to LSASS memory, indicative of credential dumping
references:
- https://attack.mitre.org/techniques/T1003/001/
tags:
- attack.credential_access
- attack.t1003.001
logsource:
product: windows
service: sysmon
detection:
selection:
EventID: 10
TargetImage|endswith: '\lsass.exe'
GrantedAccess|contains:
- '0x1010' # PROCESS_VM_READ + PROCESS_QUERY_INFORMATION
- '0x1410'
- '0x1438'
- '0x143a'
- '0x1fffff' # PROCESS_ALL_ACCESS
filter_legitimate:
SourceImage|endswith:
- '\MsMpEng.exe' # Defender
- '\svchost.exe'
- '\WmiPrvSE.exe'
- '\csrss.exe'
- '\wininit.exe'
condition: selection and not filter_legitimate
falsepositives:
- Legitime Security-Tools (EDR-Agents, Backup-Software)
level: critical
Schritt 5: Testen mit Atomic Red Team
atomicredteam.io bietet ausführbare Tests pro Technik. Für T1003.001:
Invoke-AtomicTest T1003.001
# führt z.B. comsvcs.dll-MiniDump-Variante aus
Wenn die Rule danach feuert → Coverage bestätigt. Wenn nicht → Tuning. Atomic Red Team ist Pflicht-Werkzeug für jeden, der ATT&CK-Coverage ernst nimmt.
Coverage messen mit dem ATT&CK Navigator
Der ATT&CK Navigator (mitre-attack.github.io/attack-navigator/) ist ein kostenloses Web-Tool, mit dem du dir deine Coverage als Heatmap visualisieren kannst:
- Neues Layer erstellen (Enterprise Matrix)
- Pro Technik einen Score setzen (z. B. 0=keine Detection, 1=audit-only, 2=alerting, 3=high-confidence)
- Layer als JSON exportieren – ins Repo committen
- Quartalsweise vergleichen: wo wurde Coverage erweitert?
Praxisempfehlung: Du brauchst nicht die ganze Matrix abdecken. Fokus auf die Top 20 Techniken aus DFIR-Reports + Branchenspezifika. Das ist machbar in 3 Monaten, das gibt dir mehr Mehrwert als eine 80%-Coverage auf akademischer Liste.
Die Top-10-Techniken-Starter-Liste für KMU
Wer mit ATT&CK anfängt, sollte diese 10 Techniken priorisieren – sie tauchen in 80 %+ aller dokumentierten Vorfälle auf:
| ID | Technik | Datenquelle |
|---|---|---|
| T1059.001 | PowerShell | Sysmon 1, Event 4104 (Script Block Logging) |
| T1003.001 | LSASS Memory | Sysmon 10 |
| T1053.005 | Scheduled Task Creation | Event 4698, Sysmon 1 (schtasks.exe) |
| T1547.001 | Registry Run Keys | Sysmon 12/13 |
| T1078 | Valid Accounts | Event 4624 (ungewöhnliche Logon-Patterns) |
| T1071.004 | DNS C2 | DNS-Query-Logs |
| T1105 | Ingress Tool Transfer | Sysmon 11 (FileCreate) + Sysmon 3 (Network) |
| T1027 | Obfuscated Files (PowerShell -enc) |
Sysmon 1, Event 4104 |
| T1218 | Signed Binary Proxy Execution (LOLBAS) | Sysmon 1 mit verdächtigen Args |
| T1021.002 | SMB/Windows Admin Shares | Event 5140, Sysmon 3 |
Für jede dieser Techniken gibt es fertige SIGMA-Rules im SigmaHQ-Repo (github.com/SigmaHQ/sigma). Klonen, anpassen, deployen.
Praktisches Beispiel: T1053.005 (Scheduled Task) end-to-end
Threat-Modell
Ein Angreifer braucht Persistence. Er nutzt schtasks.exe, weil es signiert, eingebaut und unauffällig ist.
Datenquelle
schtasks.exe-Aufrufe sieht man in Sysmon Event 1 (Process Creation). Alternativ: Windows Event 4698 (Scheduled Task Created) – aber das wird oft nicht standardmäßig geloggt.
SIGMA-Rule
title: Scheduled Task Created via schtasks.exe
id: a1b2c3d4-e5f6-7890-abcd-ef0123456789
status: experimental
tags:
- attack.persistence
- attack.t1053.005
logsource:
product: windows
category: process_creation
detection:
selection:
Image|endswith: '\schtasks.exe'
CommandLine|contains:
- '/Create'
- '/sc onlogon'
- '/sc onstart'
- '/sc minute'
filter:
User|startswith: 'NT AUTHORITY\SYSTEM'
ParentImage|endswith:
- '\msiexec.exe' # legitime Installer
condition: selection and not filter
falsepositives:
- Software-Installation
- Admin-Skripte
level: high
Test mit Atomic Red Team
Invoke-AtomicTest T1053.005 -TestNumbers 1
Erstellt einen Test-Task. Wenn die Rule feuert → done.
Im Navigator markieren
T1053.005 → Score: 3 (alerting, getestet). Coverage-Map aktualisiert.
Stolperfallen aus der Praxis
- Eine Rule = eine Sub-Technique, nicht eine ganze Technique. T1003 als Ganzes ist zu unspezifisch.
- False Positives sind Teil der Akzeptanz – wer 0 FP will, baut keine TTP-Detection. Plan: 2–4 Wochen Audit-Mode pro Rule, dann Tuning.
- Coverage ≠ Effektivität. Eine angekreuzte Technik im Navigator nützt nichts, wenn die Rule nicht getestet wurde. Atomic Red Team verifiziert Realität.
- „MITRE-Coverage zu 90 %“ ist ein Vendor-Marketing-Versprechen und meist Theater. Realistische Coverage liegt bei 30–50 % der Techniken, gut umgesetzt.
- Vendor-Mappings: Nicht jeder „ATT&CK-Tag“ in einem SIEM-Tool ist sauber gemappt. Selbst nachprüfen.
Praxis-Checkliste
- ATT&CK Matrix (Enterprise) als gemeinsames Vokabular im Team etabliert
- Top-10-Techniken priorisiert, SIGMA-Rules pro Technik im SIEM
- Datenquellen pro Technik dokumentiert (welche Telemetrie braucht es?)
- ATT&CK Navigator Layer im Repo, quartalsweise aktualisiert
- Atomic Red Team installiert, Tests pro Rule durchgeführt
- DFIR-Report-Reading als Routine (Quelle für neue Prioritäten)
- SigmaHQ-Public-Repo als Inspirationsquelle, nicht 1:1 übernommen
- Audit-Mode-Phase pro neuer Rule, dann Tuning, dann Production
- Reporting an Stakeholder mit ATT&CK-Tags (nicht nur Rule-Namen)
Fazit
ATT&CK ist kein Allheilmittel, aber das beste Strukturierungs-Werkzeug, das wir haben. Wer Detection-Engineering ernsthaft betreiben will, baut sein Repo nicht aus zufälligen Rules, sondern aus ATT&CK-mapped Detections – getestet mit Atomic Red Team, visualisiert im Navigator. Die Eingangshürde für KMU ist niedriger als gedacht: Top-10-Techniken, fertige SIGMA-Rules, Sysmon als Telemetrie-Basis. In drei Monaten hast du eine Coverage, die jedem Audit standhält und vor allem: echte Angriffe detektiert.
Wenn du tiefer einsteigen willst: Im Newsletter zeige ich jeden Monat konkrete ATT&CK-Detections, Atomic-Tests und Coverage-Strategien. Trag dich ein.